Katharina Körting | 12.06.2017

Hintergrund zu den vier Podiumsdiskussionen von Kirchenkreis und Paul Gerhardt Diakonie

Der Ev. Kirchenkreis veranstaltet mit der Paul Gerhardt Diakonie vier Podien zum Thema Diakonie und Kirche. Theologische Grundlagen der tätigen Nächstenliebe finden sich u. A. beim Evangelisten Lukas und in der Apostelgeschichte (Kapitel 6 von der Wahl der Diakone). Im Deuteronomium heißt es "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst" (5. Mose 6,5). Diesen Satz nimmt Jesus im Doppelgebot der Liebe (Mt 22) auf.

Die Apostelgeschichte erzählt von der ersten gemeindlichen Arbeitsteilung in geistliche/theologische (Gebet und Bibelstudium) und praktische/pflegerische Ämter (Armendienst durch Diakone): "Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. (Ap 6,3)"


Führte ein Verwaltungsfehler zur christlichen Arbeitsteilung?

Auslöser für Arbeitsteilung waren Witwen, die man bei der Versorgung vernachlässigt hatte - ein Verwaltungsfehler, der nicht nur durch Arbeitsüberlastung der Jünger, sondern auch durch das Fehlen einer Witwenlobby bzw. deren geringes Ansehen verursacht wurde. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37) schildert die Hilfe für einen Überfallenen und Ausgeraubten durch einen Ausländer (Samariter).

Fragen der Nächstenliebe gehören zur urchristlichen und damit später zur reformatorischen Botschaft: Ingolf Hübner, Stabsstelle Theologie der Diakonie Deutschland, spricht von der "von Gott geschenkt(en) Gerechtigkeit", die "zum Dienst am Nächsten befreit". Versuche der Reformatoren, Armut und Bettelei systematisch zu begegnen, markieren demnach einen "radikalen Neuansatz gegenüber der mittelalterlichen kirchlichen Praxis, Armut mit Almosen zu begegnen".

Martin Luthers Mitstreiter Johannes Bugenhagen gilt als Reformator der öffentlichen Fürsorge: Er hat die Ordnung des "Gemeinen Kastens" weiterentwickelt und praktikabel sowie allgemein verfügbar gemacht. Aus den Mitteln der Armenkästen wurde nun die öffentliche Fürsorge bezahlt, soziale Aufgaben von anderen deutlich unterschieden. So wurde im Laufe der Zeit die Sozialfürsorge immer mehr zur Aufgabe der Kommune beziehungsweise des Staates. Diese Zentralisierung hatte jedoch auch eine Bürokratisierung zur Folge.

Seit jener Neuordnung des Sozialwesens im Zuge der Reformation sind nunmehr staatliche Institutionen zuständig für die Verwaltung der öffentlichen Fürsorge. Allerdings wäre diese ohne Ehrenamtliche weder in den USA noch in Europa kaum denkbar: Bei der Caritas stehen den rund 620.000 Hauptamtlichen 500.000 Ehrenamtliche gegenüber. In der Diakonie Deutschland sind es bei 462.000 beruflichen sogar 700.000 freiwillige Helfende.


Ohne Ehrenamtliche ist kein Staat zu machen

Die tätige Nächstenliebe bleibt überkonfessionell und auch außerhalb von christlichen Bezügen auf des bürgerschaftliche Engagement angewiesen. Im Christentum gilt die Nächstenliebe als christliche Kernaufgabe. Martin Bonhoeffer drückt es so aus: "Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben." (in Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 535)

Seit Lukas seine Apostelgeschichte aufgeschrieben hat, sind über 2000 Jahre vergangen. Diakonie bzw. Caritas sind, als christliche Anbieterinnen neben weltlichen, Teil des Marktes und dessen Gesetzmäßigkeiten unterworfen.

Seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends sind auch christliche Einrichtungen des Sozial-, Jugend-, Alten-, Familien- und Krankenhilfe auf das marktwirtschaftliche Paradigma von Angebot-Nachfrage ausgerichtet. Kranke sind zu Kunden, die tätige Nächstenliebe zur bezahlten Dienstleistung geworden, mit der man Geld verdienen kann - und muss. Diakonie muss sich rechnen. Die Mitarbeitenden und das Management bewegen sich zwischen christlichen und marktwirtschaftlichen Vorgaben ebenso wie den gesetzlichen Rahmenbedingungen. 

Manche Mitarbeitenden erleben den Zeit- und Kostendruck und die wachsende Dokumentationspflicht als Gefahr für das Gebot, sich dem Nächsten, dem Kranken angemessen zu widmen. Strukturell und praktisch und hat sich die professionalisierte Diakonie von der Kirche entfernt. Theologisch ist aber die tätige Nächstenliebe Wesenskern der Kirche und ihrer Glieder geblieben. Wie Diakonie und Kirche mit Kostendruck und Outsourcing umgehen, ist Thema der Podien am 21. Juni und am 28. Juni.

Begriffe

Unter Diakonie (altgriechisch διακονία diakonía ‚Dienst‘, von διάκονος diákonos ‚Diener‘) versteht man alle Aspekte des Dienstes am Menschen im kirchlichen Rahmen. Die christliche Theologie sieht in der Diakonie als Dienst am Menschen im kirchlichen Rahmen neben dem Zeugnis (gr. martyría) und der Gottesdienstgestaltung (gr. leiturgía) eines der Wesensmerkmale der Kirche.
Diakonie als Ausdruck für die Liebe Gottes zur Welt kümmert sich besonders um Menschen in leiblicher oder seelischer Not und in sozial ungerechten Verhältnissen. Dabei ist sie bestrebt, über Symptomlinderung hinaus die Ursachen dieser Not zu ergründen und ihnen entgegenzuwirken (z.B. Brot für die Welt). Als solche kann sie "Seismograph für die Lebenssituation der Menschen" (Wolfgang Huber) sein.

Karitas (von lat. caritas = Teuerung, Hochachtung, hingebende Liebe, uneigennütziges Wohlwollen) ist im Christentum die Bezeichnung für die tätige Nächstenliebe bzw. Wohltätigkeit. Die Karitas als Grundhaltung konkretisiert sich im kirchlichen Grundauftrag der Diakonie. Vorbild ist Jesus Christus.

Das Wort Kirche leitet sich ab vom gr. kyriake (dem Herrn gehörend). Der Begriff Ökumene (gr. oikouménē, ganze bewohnte Erde, Erdkreis) bezeichnet in diesem Fall die christlichen Konfessionen und deren konstruktiven Dialog.






Veranstaltungskalender
Losung vom 23.09.2017
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? In seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Psalm 8,5 Epheser 1,4-6

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