Katharina Körting | 15.06.2017

Beim ersten Podium "Diakonie und Kirche" ging es um die ökumenische Perspektive - und die ist weit!

 Das erste Diskussionsforum "Diakonie und Kirche" hat die ökumenische Perspektive in den Blick genommen. Am 7. Juni diskutierten:
  • Sven Schumacher (Lutheran Child & Family Services Indianapolis/USA)
  • Joseph Everson (ELCA, Evangelical Lutheran Church in America)
  • Maroš Nicák (Evangelisch-Theologische Fakultät der Comenius-Universität in Bratislava/(Slowakei)
  • Vasilios N. Makrides (Philosophische Fakultät Erfurt, Professor für Orthodoxes Christentum) Christian Thomes (Leiter Gesundheits- und Sozialpolitik der Caritas Berlin) und
  • Werner Weinholt (Theologischer Leiter der Paul Gerhardt Diakonie).

Den Dialog der Konfessionen moderierte Jens Lattke vom Lothar-Kreyssig-Zentrum gemeinsam mit Katharina Körting, Reformationsbeauftragte des Ev. Kirchenkreises Wittenberg.

USA, Griechenland, Slowakei...

Der Sozialarbeiter Sven Schumacher, der eine bekannte Einrichtung der Jugendhilfe in den USA leitet, erinnerte daran, dass seine Organisation während der Gründungszeit Ende des 19. Jahrhunderts die Aufnahme eines Waisenkindes von der Konfession abhängig machte: Katholische Kinder wurden damals nicht versorgt, die Nächstenliebe galt nur lutherischen Kindern. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Allerdings: "Heute ist kein einziges lutherisches Kind in der Einrichtung", sagte der engagierte Sozialarbeiter, der auch als Honorarkonsul für den US-Bundesstaat Indianapolis tätig ist. In den Vereinigten Staaten setze, wie in Deutschland, der Staat der sozialen Fürsorge die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen.

Auch in Griechenland ist soziale Arbeit Angelegenheit des Staates, doch steht dort die Kirche in Folge der Finanzkrise vor neuen Herausforderungen. Die Orthodoxie verfolge traditionell keine soziale Doktrin, erläuterte Vasilios Makrides. Zwar hätten die christlichen Konfessionen eine gemeinsame Geschichte der Diakonie, doch hat sich die orthodoxe Kirche anders als die Schwester-Konfessionen entwickelt: Westliche Kirchen hatten unter dem Druck der sozialen Verwerfungen im 19. Jahrhundert begonnen, Waisenhäuser, Jugendhilfeprojekte, Frauenstationen und Ausbildungsstätten zu gründen und so die Grundlagen für die heutige institutionalisierte Diakonie gelegt.


"Keine soziale Doktrin"

In der Orthodoxie reflektiere man nun seit dem Zusammenbruch der real existierenden sozialistischen Strukturen über eine neue Haltung zur Sozialfürsorge. "Wir lernen von Ihnen", sagte Makrides mit Bezug auf die evangelische und die katholische Kirche. Die Orthodoxie befinde sich auf dem Weg zu einer neuen Balance zwischen geistlicher Übung und organisierter, auch theologisch neu verankerter karitativer Arbeit. Wichtig bleibe auch künftig, dass die christliche Botschaft "nicht nur eine irdische" sei. Die Ausrichtung auf das Seelische entspreche auch aktuell dem wachsenden Bedürfnis nach spiritueller Praxis und "Entschleunigung". Deutlich werde dies z.B. an Konversionen zum orthodoxen Glauben in Deutschland und an der Gründung neuer Klöster in Griechenland.

In der Slowakei sind 62 Prozent der Bevölkerung römisch-katholisch, 5,9 Prozent lutherisch und 3,8 Prozent griechisch-katholisch, berichtet der evangelische Theologe Maroš Nicák (Comenius-Universität, Bratislava). Diakonie sei von Kirche und Verkündigung des Wortes Gottes nicht zu trennen, aber: "Die Not hat keine Konfession und kein Glaubensbekenntnis." Deswegen argumentiert er dafür, die Nächstenliebe überkonfessionell zu verstehen und nicht als Mittel der Stärkung einer konfessionellen Identität beschrieben.

"Not hat keine Konfession"

Zu den heutigen Hindernissen, gegen welchen die Diakonie in der Slowakei kämpft, zählt Nicák vorwiegend die chronische Unterfinanzierung der Sozialprojekte, häufige Änderungen der Sozialgesetzgebung und die Tatsache, dass die slowakische Diakonie noch keine vollständig selbständig tätige Organisation ist. "Die überkonfessionelle Diakonie stellt einen Ausweg aus dem starren Dogmatismus dar und bietet eine mögliche Lösung für die stillgelegten ökumenischen Prozesse," betonte Nicák.

Die Diesseitigkeit karitativer Arbeit stehe nicht im Widerspruch zur Allmacht Gottes, meinte Christian Thomes von der Caritas Berlin: "Gottes Allmacht vollendet sich erst im tätigen Werk der Nächstenliebe". Diese beschränke sich nicht darauf, die sichtbarsten sozialen Verwerfungen zu lindern, sondern wolle und müsse dazu beizutragen, deren Ursachen zu benennen und zu bekämpfen. Als Beispiel nennt er das seit 1. April 2016 in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz. Hieran hätten nicht zuletzt die Kirchen mitgeschrieben. Teilhabe sei nun keine Glaubensfrage (mehr), sondern ein gesetzlicher Anspruch. Im Übrigen hätten christliche Menschen die Hilfsbereitschaft nicht gepachtet. 2015 sei dies besonders deutlich geworden: Die Mehrheit der Aktiven in der Geflüchtetenhilfe bekennten sich nicht zum christlichen Glauben. "In Berlin leben rund zehn Prozent Katholiken", erinnert Thomes. Evangelisch sind rund 20 Prozent. "Da tut Demut uns gut", meint Thomes.

Die Diesseitigkeit karitativer Arbeit stehe nicht im Widerspruch zur Allmacht Gottes, sagte Thomes: "Gottes Allmacht vollendet sich erst im tätigen Werk der Nächstenliebe". Diese beschränke sich nicht darauf, die sichtbarsten sozialen Verwerfungen zu lindern, sondern wolle und müsse dazu beizutragen, deren Ursachen zu benennen und zu bekämpfen. Als Beispiel nennt er das seit 1. April 2016 in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz. Hieran hätten nicht zuletzt die Kirchen mitgeschrieben. Teilhabe sei nun keine Glaubensfrage (mehr), sondern ein gesetzlicher Anspruch.
Im Übrigen hätten christliche Menschen die Hilfsbereitschaft nicht gepachtet. 2015 sei dies besonders deutlich geworden: Die Mehrheit der Aktiven in der Geflüchtetenhilfe bekennten sich nicht zum christlichen Glauben. "In Berlin leben rund zehn Prozent Katholiken", erinnert Thomes. Evangelisch sind rund 20 Prozent. "Da tut Demut uns gut", meint Thomes.

"Diakonie ist Gottesdienst mit den Händen"

"Der Zugang zu Theologie und Glauben ist immer kontextuell gebunden", knüpft Werner Weinholt an. Eine scharfe Trennlinie zwischen sozialer christlicher Arbeit und Verkündigung will er nicht ziehen: "Diakonie ist Gottesdienst mit den Händen." Aus dem frühchristlichen "Almosen" seien im Mittelalter und darüber hinaus "Werke der Barmherzigkeit" geworden. Heute spreche man im selben Zusammenhang von "Fundraising". Der Theologe erinnert an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das sowohl den ökumenischen als auch den ökonomischen Aspekt mittransportiert. Während die geistlichen Amtsleute der jüdischen Gemeinde zu beschäftigt sind, um dem Verletzten zu helfen, nimmt sich einer derjenigen, die aus Sicht der Juden nicht dazugehören, des Hilfsbedürftigen an. Er der Samariter, fragt weder nach Konfession nach Lohn, sondern tut, was zu tun ist: Er bringt ihn in eine Herberge. Da der Erzähler - das Lukas-Evangelium - jedoch weiß, dass solcherlei kostenlose Hilfe nicht voraussetzbar ist, gibt er dem Wirt vom eigenen Geld und versichert darüber hinaus, ggf. alle darüber hinaus gehenden Auslagen zu erstatten. Der barmherzige Samariter gilt allen christlichen Konfessionen als Vorbild tätiger Nächstenliebe.

"In der Diakonie vollziehen wir eine Elementarisierung dessen, was wir mit Glauben bezeichnen", resümiert Weinholt. Anders als sein orthodoxer Kollege bezeichnet er Diakonie als eine "Funktion" der Kirche: "Der Glaube und der daraus erwachende Gottesdienst findet seine sichtbarste Form in der diakonischen Tat."

Die Fachleute waren sich einig: Der Dialog zwischen den Konfessionen in Bezug auf diakonische Arbeit hat gerade erst begonnen und sollte fortgeführt werden.

Das nächste Forum "Diakonie und Kirche" am 21. Juni im Paul Gerhardt Stift Wittenberg um 15 Uhr widmet sich der Gesundheitsgerechtigkeit.

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