Katharina Körting | 22.06.2017

Zur Weltausstellung Reformation 2017 hat der Ev. Kirchenkreis in der Exerzierhalle ein Weltcafé angeboten.

 "Was ist gerecht?" Das fragen schon die Kleinsten, sagte einführend Katharina Körting, die das Weltcafé im Rahmen der Projektgruppe Gerechtigkeit der Weltausstellung Reformation 2017 konzipiert hat. Kinder sind felsenfest überzeugt "DAS IST UNGERECHT". Wenn einer mehr Pudding als der Bruder bekommt. Wenn Heike jedes Mal den Müll rausbringt und Peter sich drückt. Wenn Sabine ein neues Handy haben darf und Anton nicht. Wenn einer ohne Grund bevorzugt wird, ist das ungerecht. Aber was ist ein Grund?

Zuerst scheint Gerechtigkeit ein Gefühl zu sein, das, wenn es verletzt wird, Schmerz versursacht. Womöglich basiert es auf einem inhärenten Wissen um die Würde und den Wert jedes Menschen. Es ist ungerecht, soweit besteht zwischen den Teilnehmenden Übereinstimmung, wenn einer schuftet und doch nicht davon leben kann. Wenn eine Kinder großzieht und deshalb schlechtere Jobchancen hat und im Alter zu verarmen droht. Wenn Kultur so viel Geld kostet, dass sie sich nur wenige leisten können. Oder wenn Kultur durch äußere informelle Schranken so hohe Hürden legt - Aussehen, Kleidung, Haltung -, dass Menschen aus weniger gebildeten Schichten sich nicht in die Oper trauen oder ins Theater, oder in die Kunstausstellung, weil sie meinen Da gehör ich nicht hin, da blamier ich mich, da sage ich was Falsches.
Die Schwelle für ein Kind mit Migrationshintergrund, ein Museum zu betreten, ist ungefähr so hoch wie die Schwelle für eine Wittenberger Atheistin, zum Gottesdienst zu gehen: nahezu unüberwindbar.


Arbeitsbeziehungen, Ehrenamtliche, Rahmenbedingungen...

Auch in Gemeinden, Krankenhäusern, Arbeitsbeziehungen stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit nahezu täglich. Es geht um die Verteilung von Arbeit, Geld, Ressourcen, um Gewährung von Anerkennung von Leistung und Person, um die Balance zwischen individuellen Bedürfnissen und gemeinschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Erfordernissen.

"Jeder nach seinen Fähigkeiten - jedem nach seinen Bedürfnissen" formulierte Karl Marx. Ein Traum? Unerreichbares Ziel? Kommunistisches Verbrechen? Für den Philosophen war es eine Utopie, die helfen sollte, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern - für die sich auf ihn berufenden realsozialistischen Revolutionäre und späteren Machthaber wurde die Utopie zum Dogma, das an der real existierenden sozialistischen Wirklichkeit scheiterte.

"Jeder nach seinen Fähigkeiten - jedem nach seinen Bedürfnissen" - aber wie?

Und doch versucht jede Mutter und jeder Vater, ihr Kind nach diesem Grundsatz beim Aufwachsen zu begleiten: geben, was es braucht, fördern und fordern... Dabei stoßen Eltern allerdings rasch an die Grenzen der Leistungsgesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Für eine kurze Zeit nach der Geburt, solange das Baby an der Mutterbrust saugt, ist die Utopie Wirklichkeit. Gerechtigkeit herrscht: Das Kind erhält, so Gott will, Liebe und Nahrung und darf im individuellen Tempo lernen, wachsen, größer werden.

Doch lange bevor es "groß" ist, wird es verglichen, bewertet und zum Wettbewerb angetrieben. Zum Schnellersein, Bessersein, Schönersein, Fleißigersein, Wichtigersein. Nicht nach seinen Fähigkeiten soll es sich richten, sondern nach den Erwartungen der Erwachsenen. Nicht nach seinen Bedürfnissen (und denen der anderen) soll es mit sich und der Umgebung umgehen, sondern nach Höflichkeitserfordernissen und finanziellen, kulturellen, sozialen Gegebenheiten. Das Kind soll sich anpassen an ein Schulsystem, das jeden über einen Kamm schert und weit entfernt davon ist, jedem Kind das Lernen zu ermöglichen, was es bräuchte. Das Kind lernt: Es soll gar nicht erst auf die Idee kommen, die Lernumgebung hätte sich nach dem, was es bräuchte, zu richten. Es spürt: Das ist ungerecht. Und lernt seinerseits, sich ungerecht zu verhalten.


Kindgerecht, menschengerecht - ungerecht

Nicht nach Gerechtigkeit soll der junge Mensch streben, sondern nach guten Noten und Zukunftsaussichten, um die Ansprüche der Eltern und Lehrenden zu erfüllen, die er bald kaum noch von den eigenen Bedürfnissen unterscheiden kann.

Eigentlich ist das nicht kindgerecht. Es ist auch nicht menschengerecht. Und allzuoft fühlt sich das Kind, der Jugendliche, der Erwachsene ungerecht behandelt, ohne vielleicht so genau zu wissen, woher dieses Gefühl kommt - und ob es "berechtigt" ist. Er strampelt sich ab auf der Suche nach Glück. Und schaut neidvoll auf diejenigen, die ihm glücklicher erscheinen. Immer schwingt dabei die Frage der Gerechtigkeit mit. Oft wird er selbst ungerecht, in Gedanken, Gesten, Worten oder Taten.

Gerechtigkeit ist ganz offensichtlich ein Thema, über das Menschen jeden Alters immer wieder nachdenken (müssen). Grund genug, sich in der Themenwoche Gerechtigkeit der Weltausstellung Reformation 2017 darüber auszutauschen. An einem Vormittag haben die haben ihre Gerechtigkeitsvorstellung an Fallbeispielen überprüfen können. Der weite Raum der Wittenberger Exerzierhalle half bei der konstruktiven Debatte über diese

Fallbeispiele

… wenn Ehrenamtliche arbeiten Eva ist Mitglied einer kleinen Gemeinde auf dem Land und erzählt: In meiner Gemeinde verlässt sich der Pfarrer voll auf uns Ehrenamtliche. Wir räumen die Kirche auf, kümmern uns um die Blumen, stecken die Liednummern, übernehmen die Lesung, sorgen für das Abendmahlsgeschirr und die Antependien, gehen zu Fortbildungen, backen für Gemeindefeste undsoweiter. Wir machen das gerne - und würden es noch lieber tun, wenn der Pfarrer nicht so täte, als wäre unser Engagement selbstverständlich. Als wäre er der Chef und wir seine ihm untergebenen Mitarbeiter/innen. Aber wenn im Gremium mal jemand eine andere Meinung hat als er, fühlt er sich persönlich angegriffen und wird laut, und man traut sich gar nicht mehr, etwas zu sagen - IST DAS GERECHT?

… wenn Ärzte keine Zeit haben
GESUNDHEIT Peter arbeitet als junger Arzt in einem großen Krankenhaus. Er sagt: Es tut mir weh, dass ich nicht genug Zeit für die Patient/innen habe. Ich schaffe oft nur das nötigste Medizinische, spreche die meiste Zeit mit dem Computer oder den Apparaten - für die menschliche Begegnung bleibt kaum Raum. Dabei weiß ich, dass Menschen besser gesund werden, wenn ich sie tatsächlich wahrnehme. Auch die Schwestern haben so viele zu versorgen, dass es nicht immer für ein freundliches Wort reicht. Manchmal komme ich mir vor wie in einer Fabrik, in der wir immer mehr Menschen in immer weniger Zeit zu reparieren haben. Die Kasse stimmt aber trotzdem nicht, sagt mein Chef. Die Konkurrenz sei zu groß und arbeite noch effizienter. Ich habe Angst um meinen Job - und versuche, noch schneller zu arbeiten - IST DAS GERECHT?

… wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe
Karl-Heinz, 56 Jahre, Bautischler, träumt vom bedingungslosen Grundeinkommen: Ich bin seit fünf Jahren arbeitslos. Eine Umschulung nach der andern hat nichts gebracht. Jetzt mache ich nicht mehr mit. Ich sehe nicht ein, dass ich in irgendwelchen stickigen Zimmern mit stickigen Leuten so tun soll, als wenn ich was Neues lerne. Das bringt sowieso nichts! Für einen wie mich ist kein Platz in der ach so freien Wirtschaft. Die brauchen mich nicht. Meine Enkelkinder brauchen mich. Wenn ich nicht ständig Stress mit Geld hätte, könnte ich mich noch nützliche machen in der Gemeinde, kulturelle Veranstaltungen organisieren, das Gemeindetheater voranbringen. Ich würde mich nicht auf die faule Haut legen! Die könnten mir doch einfach das bisschen Geld geben und mich damit leben und ehrenamtliche Arbeit tun lassen- IST DAS GERECHT?

In der Fotogalerie unten sind die Ergebnisse zu sehen. Wer sich angeregt fühlt, selbst an diesen und anderen Fallbeispielen zu arbeiten, in der Gruppe oder allein, kann sich die kurzen Texte dazu hier downloaden.


Veranstaltungskalender
Losung vom 20.11.2017
Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf dass ihr bewahrt die Gebote des HERRN, eures Gottes. Jesus sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.
5.Mose 4,2 Lukas 8,21

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