Katharina Körting | 22.06.2017

Großes Interesse bei Fachleuten erregte die Podiumsdiskussion zur Gesundheitsgerechtigkeit im Paul Gerhardt Stift.

Gemeinsam mit der Paul Gerhardt Diakonie-Akademie hat der Ev. Kirchenkreis das zweite von vier Foren über das Verhältnis zwischen Diakonie und Kirche in der Kapelle des Paul Gerhardt Stifts veranstaltet. Mit Beate Bröcker, Gesundheitsstaatssekretärin in Sachsen-Anhalt, Hilke Bertelsmann, Professorin für Gesundheitswissenschaften und Joachim Lenz, Direktor der Berliner Stadtmission saß geballte Kompetenz auf dem Podium. Werner Weinholt, Leitender Theologe der Paul Gerhardt Diakonie, moderierte den Nachmittag.

Er stellte die Kernfrage: "Wie ist es zu schaffen, jedem die Teilhabe am Gesundheitswesen zu geben, die er nötig hat und auch diejenige ins Heilungssystem zu integrieren, die schwer erreichbar sind?" Der Direktor der Berliner Stadtmission berichtete daraufhin von Obdachlosen, die so verwirrt seien, dass reguläre Arzttermine gar nicht denkbar wären. Das Gesundheitssystem sei formal für alle offen, tatsächlich schließe es jedoch viele Menschen am Rand der Gesellschaft aus. Offenbar gebe es zwar ein "Recht auf Verwahrlosung" zumindest der erwachsenen Menschen, jedoch kein durchsetzbares Recht auf Zugang zum Gesundheitssystem. "Wer nicht für sich reden kann, verfault auf Berlins Straßen", formulierte Joachim Lenz drastisch ein Problem, mit dem seine Mitarbeitenden in der Stadtmission alltäglich zu tun haben. Denn: "Die Politik schiebt die Zuständigkeit hin und her."

 
"Nicht anspruchsberechtigte Personen" und Verwirrte fallen aus dem System

Menschen außerhalb des EU-Wirtschaftsraums etwa gälten als "nicht anspruchsberechtigte Personen", mit deren Versorgung sich das Gesundheitssystem schwer tue. Es gebe je nach Schätzung 5000 bis 8000 Obdachlose in Berlin, davon auch Rollstuhlfahrer/innen. Ein Obdachloser habe wegen mangelndem Zugang zu medizinischer Hilfe eine um 19 Jahre geringere Lebenserwartung. Die Lage verschärfe sich zurzeit, weil die Zahl psychisch Beeinträchtigter und Dementer seit einigen Jahren wachse. Oft wüssten diese weder, welche Rechte sie hätten, noch seien sie in der Lage, sich zu artikulieren. Lenz: "Diese Menschen fallen aus dem System."

"Kranke können oft nicht selbst für ihr Recht eintreten",  bestätigte Beate Bröcker, Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt. Sie räumte ein, dass sie als Politikerin zwar versuche, Versorgungsmängel zu schließen, jedoch nicht in jedem Einzelfall helfen könne. Immer wieder gelte es, Kompromisse zu machen. sagte Bröcker. Immerhin habe das neue Präventionsgesetz und das Bundesteilhabegesetz einige Barrieren für bildungsferne Schichten und behinderte Menschen abgebaut.

Dass Gesundheit auch eine Bildungsfrage ist, meinten auch Hilke Bertelsmann und Joachim Lenz.  Artikel 25 der Erklärung der Menschenrechte spricht zwar jedem "das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung" zu, aber die Umsetzung gerade in der Gesundheitsaufklärung sei eben nicht durch Gesestzesparagrafen erreichbar. 


"Ist das System zu unbeweglich?"

"Gesundheitsgerechtigkeit ist in jedem Fall handlungsleitend in den Feldern, in denen wir Spielräume haben", versicherte die SPD-Politikerin. "Wir müssen die Leistungen im notwendigen Umfang ebenso zur Verfügung stellen wie Hilfe zur Selbsthilfe, um diese in Anspruch zu nehmen", betonte die Staatssekretärin. Ein Recht auf Gesundheit in die Verfassung zu schreiben, stehe zurzeit jedoch nicht zur Debatte. 

"Ist das System zu unbeweglich?", fragte provokant Werner Weinholt. "Man muss mit Systemen auch ein bisschen gnädig sein", erwiderte Hilke Bertelsmann, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Diakonie-Fachhochschule Bethel. "Unser Gesundheitssystem ist sehr gut." Auch die Zivilgesellschaft, insbesondere die Christen seien gefordert, ihren Beitrag zu leisten. Dennoch müsse man die Frage nach einer "gesunden Gerechtigkeit" immer wieder neu gestellt und beantwortenn.


Die Bibel ist voller Heilungsgeschichten

Aus naturwissenschaftlicher Sicht sehe sie keine Grundlage für ein Recht auf Gesundheit, wollte aber zumindest ein Recht auf Heilung begründen - und zwar theologisch. "Menschen, die Jesus begegnen, werden heil, und das beginnt schon im zehnten Vers des Markus-Evangeliums mit der Heilung eines Besessenen. Die Geschichte Gottes mit den Menschen besteht auch aus Heilungsbegnungen", betonte Bertelsmannmit Verweis auf die vielen Wunderheilungen, von denen die Bibel erzählt. "Kirche und Diakonie müssen heilen! Allerdings schaffen die neuen Heilungsmöglichkeiten auch neuen Druck."

In jedem Fall sei "eine stärkere Vernetzung der Ressourcen" nötig, fasste Werner Weinholt zusammen. "Natürlich geht es immer auch um Verteilungsgerechtigkeit", meinten Joachim Lenz und Beate Bröcker - Verteilung von Mitteln und Personal. "Es gibt genug Ärzte", meldete sich Andreas Gebhardt aus dem Publikum zu Wort. "Aber sie sind nicht gerecht verteilt." Der Diakon leitet den Diest-Hof, eine kleine diakonische Einrichtung für geistig Behinderte in der Region.  Auch in der Pflege gebe es Mangel, meinte eine Pflegekraft aus dem Publikum. In den vergangen 20 Jahren hätten immer weniger Pflegekräfte immer mehr Patientinnen zu versorgen.


Nicht genug Geld im System?

Andreas Mörsberger, Vorstand der Paul Gerhardt Diakonie sagte, dass nicht genug Geld da sei. Ihm widerspricht Andreas Gensigk, Oberarzt am Paul Gerhardt Stift: "Wir haben genug Geld im System, aber ein Drittel aller medizinischen Leistungen sind völlig überflüssig." Andererseits würden spirituelle Dienste gar nicht vergütet, warf Werner Weinholt ein. Spiritual Care sei nicht abrechenbar. Nicht nur in der Palliativmedizin sei das ein Problem.

Dass man mit Gesundheit Geld verdienen kann, scheine der Gesundheitsgerechtigkeit jedenfalls nicht gerade förderlich zu sein, überlegte eine Besucherin und erinnerte an die Jünger, die Jesus ohne Geld als Heiler aussandte. Weder Essensvorrat noch ein zweites Hemd ließ er sie mitnehmen, gab ihnen jedoch " Kraft und Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben und die Kranken zu heilen. Er sandte sie aus mit dem Auftrag, die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und die Kranken gesund zu machen." (Lk 9, 1-3)

Die Heutigen müssen sich derweil, legte die Debatte nahe, weiter mit zu viel und zu wenig Geld sowie Mängeln im System herumschlagen. Es gilt, bürokratische Hürden und womöglich auch die Versuchungen einer hochmodernen Gerätemedizin bzw. die eigenen Ansprüche zu hinterfragen. Und dabei immer neu die politisch-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu überdenken und zu verhandeln, um sich einer diesseitigen Gesundheitsgerechtigkeit anzunähern.

Das dritte Podium stellt die Frage, ob es diakonisch ist, ökonomisch zu denken. Der Ev. Kirchenkreis Witenberg freut sich auf viele interessierte Gäste: am 28. Juni um 15 Uhr im Bugenhagenhaus!


Veranstaltungskalender
Losung vom 23.09.2017
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? In seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Psalm 8,5 Epheser 1,4-6

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