Katharina Körting | 29.06.2017

Podiumsdiskussion "Diakonie und Kirche" mit Sozialministerin Heike Werner, Diakonie-Präsident Ulrich Lilie u.a.

"Ist es diakonisch, ökonomisch zu denken?" lautete die Leitfrage für das dritte Podium der Reihe Diakonie und Kirche. Ev. Kirchenkreis Wittenberg und Paul Gerhard Diakonie-Akademie luden im Rahmen der Weltausstellungs-Themenwoche "Wirtschaft, Arbeit, Soziales" ein zur Diskussion ins Bugenhagenhaus.

Auf dem Podium:
  • Heike Werner, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie im Freistaat Thüringen
  • Prof. Rüdiger Noelle, Fachhochschule der Diakonie Bielefeld, Lehrstuhl Betriebswirtschaftslehre im Sozial- und Gesundheitswesen
  • Sonni Schmidt-Meenen, Seelsorgerin im Paul-Gerhardt-Stift Wittenberg
  • Pfr Ulrich Lilje, Direktor Diakonie Deutschland
  • Dr. Werner Weinholt, Theologischer Leiter der Paul Gerhardt Diakonie

Die Moderation übernahm Christian Beuchel, Superintendent des Ev. Kirchenkreises Wittenberg, der zum Warmwerden u. a. folgende Begriffspaare auf den Tisch legte: Nächstenliebe versus Leistungssteigerung, Profit versus Zuwendung, Eigenkapital versus Heil, Cashflow versus Gnade, Gott versus Profit, Dankbarkeit versus Wertschöpfung… Sei der Geist der Diakonie als tätiger Nächstenliebe durch die Ökonomisierung gefährdet?
Die Begriffswelt auch diakonischer Einrichtungen ist durchökonomisiert. Der Betriebswirtschaftsprofessor (und Diakon!) auf dem Podium, Rüdiger Noelle, forderte Mitarbeitende auf, sozialpflegerisch und betriebswirtschaftlich zu denken (und zu handeln). Die Altenpflege sei "am Rande".


"Gute Haushälterschaft ist etwas Christliches"

"Gute Haushälterschaft ist etwas Christliches", stimmte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie zu. Im Umgang mit Menschen jedoch sollte die volkswirtschaftliche das betriebswirtschaftliche Paradigma ablösen, meinte Heike Werner, seit zwei Jahren Sozialministerin für die Linkspartei in Thüringen. Sie plädierte deshalb für einen weiteren Ökonomie-Begriff, der einbeziehe, "welche Wirkungen die Dinge haben, die wir tun", sei es in sozialer, sei es in ökologischer Hinsicht. Bei einem solchen nachhaltigen Ökonomie-Verständnis wäre es tatsächlich "diakonisch, ökonomisch nachhaltig zu sein."

Ulrich Lilie verwies darauf, dass die Diakonie Deutschland mit über 450.000 Angestellten der größte Arbeitgeber des Landes sei - und demnach "Wirtschaftsfaktor". Er brach eine Lanze für unternehmerisches Handeln auch im diakonischen Bereich. Nur durch viel Eigeninitiative sei es z.B. gelungen, vor 30 Jahren das erste Hospiz in Deutschland aufzubauen - heute werde es "regelfinanziert".

Konkurrenz zwischen gemeinnützigen und privaten Unternehmen?

Durch die Freigabe des Gesundheitsmarktes für private Anbieter und die Ablösung der Vollkostendeckungsprinzips durch die Fallpauschale hätten sich jedoch die Gewichte verschoben. Nun konkurrierten diakonische Einrichtungen mit profitorientierten Unternehmen, die Gesundheit wie eine Ware behandeln, die es mit größtmöglichem Gewinn zu verkaufen gilt.

Die Zeitfrage erlebt die Krankenhaus-Seelsorgerin Sonni Schmidt-Meenen alltäglich als schmerzliche. Der Druck auf die Angestellten und die zeitaufwändige Dokumentationspflicht habe sich deutlich erhöht. Die Unterschiede zwischen kirchlichen und nicht kirchlichen Einrichtungen seien dadurch oft kaum noch erkennbar. "Es gibt immer weniger Zeit. Wir müssen wie ein Wirtschaftsunternehmen arbeiten, sollen aber auch noch das Bild der Diakonie hochhalten", sagte die Pfarrerin, "dafür gibt es aber wenig Luft". "Da wird dann das Ehrenamt zum Lückenfüller", sagte Heike Werner.

Barmherzigkeit ist nicht abrechenbar

Aber die Seelsorgerin wollte die Zivilgesellschaft nicht aus der Pflicht entlassen: Geheilte Patient/innen könnten doch "etwas zurück geben", sich ehrenamtlich engagieren. "Wie wäre es mit einem Grundeinkommen, das an ehrenamtliches Engagement gekoppelt ist: Jeder bringt zwei bis drei Stunden am Tag seine Fähigkeiten ein…"

"Spiritual Care" ist nicht abrechenbar", bedauerte Werner Weinholt, leitender Theologe der Paul Gerhardt Diakonie. Es werde seit langem diskutiert, auch diese "Dienstleistung" in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufzunehmen. "Ökonomie ist die Kunst, mit den begrenzten Ressourcen ethisch verantwortet umzugehen", formulierte der Theologe. Das zeige auch das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter.  Der Gastwirt, zu dem er den Verletzten brachte, musste diesen nicht auf eigene Kosten versorgen. Andererseits "hat der Barmherzige Samariter die Ökonomie ja gerade auf den Kopf gestellt", meinte Schmidt-Meenen. Der Samariter habe sich gerade nicht betriebswirtschaftlich verhalten, denn er selbst hatte nur "Kosten" - Zeit, Geld, Kraft. Wäre es sein Ziel gewesen, Einnahmen zu erzielen, hätte er den Verletzten liegen lassen müssen: Anders als Notärzte in Kliniken oder Rettungssanitäter erhält er für seine lebensrettende Tat der Nächstenliebe keinen weltlichen Lohn.

Zuwendung - eine "Ressource" auf dem freien Markt?

Deutlich wurde die Notwendigkeit, bei "Ressourcen" - einem Begriff der Volkswirtschaftslehre - in materielle und nicht materielle Güter zu unterscheiden. Erstere sind leicht zu berechnen. Letztere sind unsichtbar, haben mit menschlichen Fähigkeiten zu tun (und ggf. mit göttlicher Gnade). Zu ihnen gehören z.B. Bildung, Prestige, eine geistige Haltung. Solche Ressourcen sind weniger leicht berechenbar oder gar zu dokumentieren. Eine "Abrechenbarkeit" von seelsorgerischen Dienstleistungen dürfte deshalb schwierig sein.

Einig war man sich auf dem Podium, dass Lohndumping nicht der richtige Weg ist, um  sich als Diakonie im Gesundheitssystem durchzusetzen. Heike Werner plädierte für einen kollegialen Umgang und gegen Ausbeutung. Sei es aber nicht Sache der Politik, fragte Christian Beuchel, "bei Auswüchsen im Gesundheitswesen den profitorientierten Unternehmen Grenzen zu setzen anstatt das Gesundheitswesen dem freien Marktlauf zu überlassen"?

Es werde diskutiert, entgegnete Werner, "ob der Finanzierungsrahmen geändert werden muss, weil er auch Ungerechtigkeiten für gemeinnützige Anbieter schafft". Lilie verwies auf die "demografische Schere" einer alternden Gesellschaft: Immer weniger Pflegekräften stünden immer mehr zu Pflegende gegenüber. Ein Problem seien auch die bürokratischen Rahmenbedingungen einer auf den Mediziner ausgerichteten Entscheidungshierarchie: Wenn der Arzt im Altenheim nicht erreichbar sei, lande ein Patient wegen einer Lappalie im Krankenhaus - und werde unnötigerweise zum Kostentreiber im System. Das helfe zwar der "Betriebsmitteleffizienz"- "ein Bett darf nicht kalt werden -, aber nicht der "Werkstoffeffizienz", im Beispiel dem Wohlbefinden des Patienten. "25% der Krankenhausaufenthalte von Alten ist vermeidbar", sagte Lilie.


"Gesundheit rechnet sich nicht"

"Gesundheit rechnet sich nicht", gab Noelle zu bedenken. Es ist Krankheit bzw. deren Behandlung vor allem durch teure Geräte- und Pharmamedizin, mit der das große Geld verdient wird, nicht Prävention, nicht das heilende Gespräch oder die wärmende Geste.

 Einig war man sich, dass der Wettbewerb zwischen privaten und gemeinnützigen Anbietern unfair sei - und dass die notwendige Veränderung nicht einfach sein wird: "Da sind dicke Bretter zu bohren", meinte Rüdiger Noelle. "Diese dicken Bretter schaffen wir nur gemeinsam, Kirche und Diakonie."

Das vierte und letzte Podium "Kirche und Diakonie" wird am 6. September im Wittenberger Bugenhagenhaus um 15 Uhr die "Botschaften 2017" diskutieren: mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und der Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka u. a.

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