Katharina Körting | 23.11.2016

Von verschollenen Fragen und unglaubwürdigen Antworten: über 300 Einsendungen beim Schreibwettbewerb

Leistung ist "das Verhältnis verrichteter Arbeit zu der dafür benötigten Zeit" - mit dieser physikalischen Definition beginnt einer der 316 eingereichten Beiträge zu sola scriptura 2017. Die Texte fragen: Was ist Leistung noch? Wer bestimmt das? Wie lässt sie sich messen? Was hat die eigene Leistung mit dem eigenen Wert zu tun? Und wie verhält man sich dazu, dass der Wert, der einer Leistung zugeschrieben wird, alle anderen Werte zu überschatten und so den Blick zu verstellen droht für das, was darüber hinaus wichtig ist? Die Schreibenden sind zwischen acht und 87 Jahre alt, senden aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nun sichtet die Jury.

"Hi Luther! Jeder sollte für sich entscheiden, ob er an Gott glaubt oder nicht."

Das Thema wird oft sehr frei interpretiert, als wäre der Schreibaufruf willkommener Anlass, grundsätzlich über den Sinn des Lebens, über Glauben, oder über Gott nachzudenken - z.B. per SMS: "Hi Luther! Jeder sollte für sich entscheiden, ob er an Gott glaubt oder nicht."

Auf vielfältige Weise haben Jugendliche und Erwachsene ihre Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht. Die Textformen umfassen Limerick, Sonett, freier Lyrik, Kurzgeschichte, Essay, Pamphlet, Dialog, Rap, Kirchenlied, SMS, Twittermeldung, Brief, Theaterszene, Experimenteller Prosa, Aphorismus, Postkarte, Monolog und biografische Skizze. Außer einer regulären Gebrauchsanweisung für die Leistungsgesellschaft ist alles dabei, doch diese Gebrauchsanweisung, so scheinen viele Texte nahezulegen, wäre tatsächlich notwendig, denn richtig zufrieden ist kaum einer angesichts der zum Teil widersprüchlichen Anforderungen und Werte, denen die Einzelnen in Arbeits-, Familien- und Gefühlsleben gegenüberstehen. "Alle wollen frei fliegen, wie Vögel im goldenen Käfig", heißt es in der Zuschrift einer 16Jährigen kritisch, und eine 17Jährige findet: "Wir verlieren uns auf der Suche nach Feinden."

"Die Gnade ist das bedingungslose Grundeinkommen der Seele."

Luthers Ansatz, dass jeder Mensch unbedingt von Gott angenommen ist, hilft den Schreibenden, versuchsweise aus dem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft auszusteigen. "Luther hat die Obergrenze für die Ewigkeit abzuschaffen eingefordert", kommentiert ein Schreiber. Der Reformator sei daher "Propagandist des bedingungslosen Grundeinkommens". Zu einem ähnlichen Schluss kommt ein Aphorismus: "Die Gnade ist das bedingungslose Grundeinkommen der Seele."

Eine bodenständige Definition liefert auch dieser Satz: "Gnade ist, wenn du die Suppe nicht auslöffeln musst, die du dir selber eingebrockt hast."
Viele Texte stellen grundsätzliche Fragen, z.B. nach einer - bisweilen erst zu findenden - Identität unabhängig von der jeweiligen Leistung oder Leistungsbereitschaft. Sie fordern auf zu überlegen, was von einer Person bleibt, wenn sie alt wird, oder krank, oder auch, wie die Leistung eines behinderten Menschen zu messen sei. "Sie sagen, ich sei zu langsam", heißt es etwa niedergeschlagen in einem Text, der von der Schwierigkeit erzählt, im so genannten ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. "Unsere Leistungen dienen als Daseinsberechtigung", stellt ein Essay fest, (aber) "was bleibt, wenn das Kriterium der Leistung wegfällt?"

"Wann ist es genug, dass es uns reicht?", fragt eine 17Jährige. Und ein 16Jähriger klagt die Erwachsenengesellschaft an: "Müsst ihr doch immer höher, immer schneller, immer weiter. Nun haben wir Atombomben, an deren Knöpfen die falschen Köpfe sitzen und Köpfe ohne Gesichter, die sich hinter Wissenschaft und Erfolg verstecken."

"Da ist immer die Angst, etwas falsch zu machen."

Die Texte beschäftigen sich mit Wiederauferstehung und Weltuntergang, erzählen von Reisen in die Zukunft und in die Vergangenheit. Sie appellieren, sprechen Mut zu, ereifern sich als Apologeten der Lebensfreude, stellen die ganz großen Fragen und geben mitunter ganz leise Antworten. Beeindruckend ist der Mut zur Offenheit: sich einzulassen, auf das, was sein müsste, was es zu ändern gilt, ohne schon zu wissen, wie und was genau.

Da fragt ein 13Jähriger ganz direkt: "Hallo Leistungsdruck! Warum muss du jedem Menschen den Spaß verderben?" Und eine Zwölfjährige analysiert: "Wir sind alle suchend, suchen das Glück. Und wenn man uns sagt, du hast doch schon Glück, schütteln wir bloß den Kopf." Da träumt eine 16Jährige "von verschollenen Fragen" und verweigert dem Überangebot an Antworten den Gehorsam. Eine andere quält sich mit den Leistungsanforderungen der Oberstufe, spürt den Druck, der dadurch auf ihr lastet "wie ein Schwergewicht, das mich daran hindert, frei zu atmen. Da ist immer die Angst, etwas falsch zu machen."

Anlass zum Nachdenken finden die Schreibenden in einer Tupperware-Party ebenso wie im Kloster, im Himmel, im Krankenhaus oder in Thailand. Da ruft Martin Luther persönlich in der Geschäftsstelle von Luther 2017 an, um etwas richtig zu stellen, wird aber nur unpersönlich von einer Maschine abgefertigt und kommt mit seinem Anliegen nicht durch. In anderen Texten treten Sterbende und Tote auf, Hunde und Prinzessinnen, Teufel und Engel, eine Glühbirne, ein Ohrwurm, Jesus im Gespräch mit Luther, und Gott, der seine Emails checkt und im Chatroom liest. Es gibt Familienzwist, Schuldgefühle, Seitenhiebe, Redaktionskonferenzen, Nonnen, Fußballstars und Gnadengesuche. Sogar Gott persönlich wird als Redner angekündigt (sagt dann jedoch wenig - es stehe ja alles in der Bibel, was er zu sagen hätte).

"Egal, wer Du bist. Egal, was Du kannst. Wir suchen genau Dich - Sei ehrlich, Jesus, das klingt schon ein bisschen unglaubwürdig."

Fast alle Texte zeugen davon, wie sehr jeder Mensch dazu gehören und anerkannt werden möchte - und wie schwierig das sein kann in einer Welt, in der die Devise gilt: "Leistung und Profit - dann erst zählst du mit".

Mit Luthers Beistand stellen die Texte diese Devise auf vielfältige Art auf den Prüfstand und zeigen, wie aktuell die These vom unbedingten Angenommensein eines jeden ist, wenn man sie für den Alltag und die eigene Situation fruchtbar zu machen versucht - wenn man sich und das eigene Weltbild mit Hilfe jenes 500jährigen Denk-Mals in Frage stellt.

Notwendig ist es offenbar, denn das Gefühl, ausgebrannt zu sein oder latent überfordert, prägt nicht wenige Beiträge, etwa dieses der Verzweiflung nahe Gebet: "Aber manche glauben umsonst / Und das High-5 hängt ungeklatscht in der Luft. / Meine Handfläche brennt / Vom nicht-erfolgten Schlag. / Kannst du mich lieben? / Obwohl mein Schweigen niemals Gold ist/ Sondern Pech und Schwefel. / Mit all meinen Lügen, / den guten, den schlechten / bau ich eine Höhle / und komm nicht mehr raus."

"Von Karriereleitern und Himmelsberührungen"

Ähnlich wie Martin Luther "seine" Reformation nicht an einem Tag (und schon gar nicht allein) erkämpft hat, sind die äußeren Bedingungen der heutigen Gesellschaft nicht von heute auf morgen zu ändern - auch deshalb nicht, weil niemand sich entziehen kann: "Alle wollen gleich sein wollen in ihrem Individualismus", stellt ein Beitrag fest. Und doch zeigen die Einsendungen, dass es möglich, die eigene Haltung zu hinterfragen und den Blickwinkel zu weiten: "Je nach Perspektive bist du jemand ganz Großes oder ganz Kleines. Aber das entscheidest nur du allein. Was du aus dir und dieser einzigartigen großen oder kleinen Welt, wie auch immer man es sehen mag, machen willst."

Vielleicht kommt schreibend und lesend so manch ein Mensch, ob jung ob alt, ob gläubig oder nicht, zu dem nur scheinbar einfachen Schluss, der ein Beginn sein könnte: "Dabei liegt der Himmel doch längst in uns, offen, wunderbar und umsonst".


Veranstaltungskalender
Losung vom 20.09.2017
Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen. Petrus sprach: Da Jesus nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört.
Joel 3,1 Apostelgeschichte 2,33

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine www.ebu.de. Weitere Informationen finden sie hier. Herrnhuter Losungen