Katharina Körting | 23.01.2017

Erster Preis für Kurzessay aus Gräfenhainichen und Klostergeschichte aus Ostfriesland

Die Auswahl fiel bei 317 Texten von Autorinnen und Autoren zwischen acht und 87 Jahren fiel nicht leicht, aber nun stehen die Preisträgerinnen von sola scriptura 2017 fest. Nach einiger Diskussion hat die Jury je drei Beiträge von Jugendlichen und Erwachsenen auserkoren.

Den ersten Preis in der Kategorie U18 erhält Isa Susan Doege, 16 Jahre, Kemberg/Sachsen-Anhalt für ihren kritischen Kurzessay Bemerkungen zu den Leistungen Martin Luthers - Eine kurze Provokation. Isa Doege hat ihre Teilnahme an der dreitätigen Schreibwerkstatt des Friedrich-Boedecker-Kreises bereits zugesagt. Von klein auf sei sie, die ja in des Reformators Geburtsregion aufwuchs, "nur über Luthers positive Seiten informiert" worden - und das reichte ihr nicht. Mit ihrem Beitrag wollte sie "einer einseitigen Darstellung von Luther entgegen wirken. Mir ist klar, dass meine Meinung kritisch ist", sagt Isa, "deswegen habe ich auch nicht damit gerechnet, zu gewinnen." So kann man sich täuschen ;)

Abrafaxe-Abo für die Blickbohrmaschine

Für ihre berührende Kurzgeschichte Blickbohrmaschine bekommt die 15jährige Clara Deifel aus dem baden-württembergischen Ostfildern als zweiten Preis ein Jahresabo der Abrafaxe-Comicx. Der Text zeigt, wie (ver)störend die Leistungsfixierung Erwachsener auf den künstlerischen - in diesem Fall musikalischen - Ausdruck Heranwachsender wirken kann - und wie inspirierend dagegen der unbefangene, nicht zwanghaft bewertende Zugang eines Kindes.

Über einen Bücher-Gutschein in Höhe von 100 Euro, den die Alpha-Buchhandlung zur Hälfte sponsert, kann sich die Wittenberger Junglyrikerin Emily Kósa, 17 Jahre, freuen. Ihr Appell an Das pure Leben und die nachdenklichen Verse Wo gehst du hin haben die Mehrheit der Jury überzeugt.

Auch Luthers Zwänge können in Konflikte stürzen

Bei den erwachsenen Autorinnen war die Jury beim ersten Preis rasch einig: Jutta Oltmanns' Kurzgeschichte Die zwölfte Nonne wirft ein ganz eigenes Licht auf etwas, das die spannungsvollen ersten Reformationsjahre eben auch mit sich brachten: Gefahr für die Versorgung Hilfebedürftiger und Gewissensnot. In der preisgekrönten Geschichte verweigert die Nonne Theda dem großen Martin Luther die Gefolgschaft, indem sie es vorzieht, weiter ihre Pflicht den Armen und Kranken gegenüber zu erfüllen - und nicht "ins Neue", vielleicht nur scheinbar Bessere zu fliehen. Jutta Oltmanns: "Mit meiner Geschichte möchte ich aufzeigen, dass Zwänge jeglicher Art - und seien es auch solche, zu denen man sich aufgrund der Worte Luthers verpflichtet fühlt - einen Menschen in tiefe Konflikte stürzen können."
Jutta Oltmanns, Jahrgang 1964, lebt mit ihrer Familie in Ostfriesland. Sie hat bereits mehrere Romane veröffentlicht und hat bei sola scriptura mitgeschrieben, weil sie "gerne mit Martin Luther eine Tasse Tee getrunken hätte".
Die Hobbyautorin und -Chorsängerin wird bei der Preisverleihung ihren Text selbst vortragen - und bei der Gelegenheit gleich ihren Preis-Gutschein einlösen: eine Wittenberger Entdeckertour für zwei Personen mit zwei Übernachtungen im Lutherhotel.

Was selbstgebastelte Preisschilder anrichten können

Auch die Gewinnerin des zweiten Preises Ü18 reist zur Preisverleihung nach Wittenberg: Susanne Brandt, ebenfalls Jahrgang 1964 und wohnhaft in Flensburg, erhält für das Gedicht Was ich nicht kann ein Familien-Kombi-Ticket für das Lutherhaus, Melanchthonhaus und die Nationale Sonderausstellung "LUTHER! 95 Schätze - 95 Menschen" der Stiftung Luthergedenkstätten mit Café-Gutschein.
"Ich habe bei sola scriptura 2017 mitgemacht, weil ich Freude daran habe, Gedanken zu reizvollen Themen in Texten so zu verdichten, dass sie die Lust am Weiterdenken und Austauschen wecken", erläutert die hauptberufliche Lektorin, die bereits Lyrik und Prosa veröffentlicht hat.

Den dritten Preis, einen fairbuch-Gutschein im Wert von 100 Euro, erhält die 18jährige Lavinia Rütten aus Krefeld (NRW) für ihr rap-artiges Gedicht Meine selbstgebastelten Preisschilder und wie schwer es ist, sie abzuknibbeln. Ihr lyrisches Ich erzählt davon, wie verführerisch es ist "on top" zu stehen - und als wie labil sich eine ausschließlich karriereorientierte Lebensweise entlarvt, sobald der eigene Kurs  "fällt und fällt und fällt". 

"Da ist immer die Angst, etwas falsch zu machen"

Außerdem vergibt die Jury einen Sonderpreis des Friedrich-Boedecker-Kreises an die Musik- und Religionslehrerin Susanne Ristau vom Gymnasium Stadtfeld Wernigerode für die Klostertexte,die mit Schüler*innen der elften Klassen entstanden sind. "Mir liegt am Herzen, mit den Jugendlichen Kirche zu erleben, nicht nur über den Glauben zu sprechen", sagt die Lehrerin. Das hat sie auch zu ihrem einwöchigen Pojekt im Kloster Drübeck im September 2016 bewogen.
Eine Schülerin etwa beschreibt den Druck, der seit Beginn der Oberstufe "wie ein Schwergewicht" auf ihr lastet: "Da ist immer die Angst, etwas falsch zu machen. Wenn wir jetzt einen Test wiederbekommen, ist es totenstill im Raum und ich weiß nicht, ob ich mich über meine Zensuren freuen soll - ob sie genügen. Wir sind erst drei Wochen wieder im Unterricht und ich bin schon wieder überlastet, fühle mich nicht stark genug für die Flut, die ich da auf mich zurollen sehe." Die Auszeit im Kloster durch das Projekt erlebt sie wie "ein Aufatmen": "Effektiv, ohne hektisch zu sein; konzentriert, ohne ernst zu sein. Es ist etwas Neues, eine Arbeitsatmosphäre, die ich noch nicht kenne. Wir bringen Leistung, ohne im Stress zu sein und ich will nicht wieder zurück in den mir inzwischen so beängstigenden Alltag, in diesen Kreislauf aus Erwartung, Druck und ständiger Kontrolle, der sich Schule nennt."

Tatort Leistungsgesellschaft - auch im "Tatort" Nährboden für Gewalt und Selbstzerstörung

"Wichtig ist nicht, wer du bist", sagte jüngst im Fernsehkrimi "Tatort" mit dem Titel Schock der erfolgreiche Vater zum revoltierenden Vorzeigesohn, "sondern was du bist": Es zähle allein die Leistung, aber man könne nie sicher sein, dass es reicht, um nicht zu den "Abgehängten" zu gehören. Der Wiener "Tatort" zeigte exemplarisch, dass Gewalttäter nur die Spitze des eisigen Opferberges sind, den diese kalte Umgebung fordert. Auf beklemmende Wiese wurden die selbstzerstörerischen Tendenzen des "leistungsgerechten" Funktionierens deutlich, die auch zum Anlass unserer Ausschreibung wurden. Mit dem System einer Leistungsgesellschaft, das zum Täter wird, indem es seine Opfer nötigt, zu Mördern, Versagern, Selbstverletzern oder überforderten Pflichterfüllern zu werden, setzen sich auch viele der Einsendungen zum Schreibwettbewerb auseinander.

sola scriptura 2017 bringt die Gnade ins Spiel

Anders als der Sonntagskrimi lässt jedoch sola scriptura 2017 Gott nicht aus dem Spiel, sondern nimmt Martin Luther zum Zeugen und Beistand. Der Reformator hatte das Konzept der Gnade als Voraussetzung tatsächlich gelingenden Lebens (wieder)entdeckt: die Zusage, dass jeder Mensch wertvoll ist, vor jeder Leistung. Denn Leistung ist mit Luther nur eine weltlich bedingte Zuschreibung, während Gnade die unbedingte Zusage ist, die über menschliches Vermögen hinausgeht - eben nicht verfügbar oder verdienbar, sondern Geschenk.

Mit diesem Geschenk haben sich die 317 Texte vielfältig auseinandergesetzt - und mit der Schwierigkeit, es unter heutigen Lebens- und Glaubensbedingungen anzunehmen. Die Autorinnen fragten (sich): Was ist denn heute ein Mensch unabhängig von seiner Leistung überhaupt wert? Und wer bestimmt darüber? Einige Texte verdienen über die Preisvergabe hinaus eine besondere Erwähnung. Weitere rund 90 Autorinnen und Autorinnen haben wir angefragt für unsere geplante Publikation zum Schreibwettbewerb, die möglichst am Tag der Preisverleihung am 1. April 2017 im Wittenberger Lutherhaus erscheinen soll.

Es ist vorgesehen, einige der Texte in lockerer Folge auf dieser Webseite vorzustellen. Ein Überblick über die preisgekrönten Texte findet sich hier.


Veranstaltungskalender
Losung vom 21.11.2017
Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht und das Seine tut, wie es recht ist! Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
Psalm 112,5 Lukas 6,31

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