Katharina Körting | 01.03.2017

Jürgen Edelmayers fiktiver Häftling Ronnie sucht Gnade.

Gnadenlos


Ronnie sitzt in seiner Zelle und schreibt ein Gnadengesuch. Er setzt seine Hoffnung darauf, dass der Bundespräsident dem Gesuch stattgeben wird. Der als Terrorist verurteilte Inhaftierte befindet sich seit fast fünfzehn Jahren in Gewahrsam. Mindestens zwei weitere müsste er noch absitzen. Der Gefängnisaufenthalt hat Ronnie geschwächt, aber nicht gebrochen. Sein Anwalt hat durchblicken lassen, dass der Bundespräsident von Ronnie ein Zeichen der Reue erwarte. "Darauf legt der Herr Bundespräsident großen Wert", hatte der Anwalt bei seinem letzten Besuch gesagt.

Ronnie hat getötet. Aus Überzeugung. Er war Mitglied einer Revolutionären Zelle gewesen und hatte einen Bombenanschlag verübt. Sein Opfer, das Vorstandsmitglied eines Rüstungskonzerns, war auf der Stelle tot gewesen. Der Mann hinterließ eine Frau und zwei Kinder.

"Ein Zeichen der Reue", murmelt Ronnie leise vor sich in und verzieht das Gesicht. "Die Genugtuung der Mächtigen, darum geht es in Wahrheit. Jeder, der es gewagt hat, sich gegen sie aufzulehnen, soll seiner Überzeugung abschwören und öffentlich zu Kreuze kriechen." Er legt den Stift aus der Hand, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme vor der Brust.

Wer Macht hat, kann Gnade geben, denkt er. Den Ohnmächtigen bleibt nur, auf Gnade zu hoffen. Gewiss kann sich auch der Ohnmächtige einem Peiniger oder Unterdrücker gegenüber gnädig zeigen, indem ihm verzeiht. Doch sind Mächtige selten in dem Maße auf die Gnade ihrer Mitmenschen angewiesen wie diejenigen, die ihnen ausgeliefert sind.

Ronnie fällt ein, dass sich vor einigen Tagen eine Fliege in seine Zelle verirrt hatte. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, das Insekt zu erschlagen, aber er hatte es leben lassen, sich ihm gegenüber gnädig gezeigt. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass er eine Machtposition inne gehabt hatte und in der Lage gewesen war, Gnade zu gewähren - oder zu versagen.

Ronnie fragt sich wie ungezählte Male zuvor, ob er den Mord an dem Rüstungsunternehmer bereut.

Eigentlich nicht. Hat der denn jemals einen Gedanken an das Leid verschwendet, das mit seinen Waffen verübt worden ist?

Den Gedanken daran, was er der Familie des Ermordeten angetan hat, versucht Ronnie zu ignorieren. Es gelingt ihm nicht völlig. Zunächst kann er sein Gewissen noch damit beruhigen, dass die Witwe wissen musste, mit wem sie sich eingelassen hatte. Doch er verspürt Unruhe und es hält ihn nicht länger auf seinem Stuhl. Mehrmals geht er in seiner Zelle auf und ab. Widerwillig muss er sich eingestehen, dass es ihm leid tut, dass die Kinder des Vorstandsmitglieds ohne ihren Vater aufwachsen mussten. Doch was geht das den Bundespräsidenten an?

Ist Reue die Voraussetzung dafür, Gnade zu erhalten? Ronnie verneint diese Frage. Seiner Ansicht nach ist es das Wesen der Gnade, dass sie ohne Gegenleistung gewährt und somit dem Empfänger unverdient zuteil wird. Aber wenn Gnade an keinerlei Leistung gebunden ist, so Ronnies Gedankengang, dann ist derjenige, der nicht gewillt ist, Gnade ohne Gegenleistung zu gewähren, selbst gnadenlos.

Ronnie fühlt wie ihm das Blut heiß zu Kopfe steigt. Die Haltung unseres Bundespräsidenten passt zu unserer schönen Leistungsgesellschaft, denkt er und ist voll Bitterkeit. Eine Gesellschaft, die nur auf Leistung setzt und daher gnadenlos ist. Ronnie zerreißt das unvollendete Gesuch in kleine Schnipsel und wirft sie in den Papierkorb. Er bleibt gnadenlos - auch sich selbst gegenüber.

Jürgen Edelmayer: *1958 in Wiesbaden, lebt heute in einem kleinen Ort in der Nähe des Mittelrheins. 1993 wurde die erste Kurzgeschichte von ihm veröffentlicht. Seit 2013 arbeitet der gelernte Buchhändler als freier Autor. www.juergen-edelmayer.de
"Ich habe bei sola scriptura 2017 mitgeschrieben, weil ich die Frage nach dem Verhältnis von Gnade zu Leistung gesellschaftlich relevant finde."

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