In lockerer Folge mit Blick auf die zum 1. April 2017 erscheinende Publikation zum Schreibwettbewerb sola scriptura 2017 sind hier einige ausgewählte Beiträge von sola scriptura 2017 zu lesen. Das Buch kann zum Herstellungspreis für 12 Euro Schutzgebühr zzgl. Versandkosten bestellt werden beim Ev. Kirchenkreis Wittenberg, Jüdenstraße 35-37, Tel 03491 40 32 00, Fax 03491 40 32 05, Mail Ev.KirchenkreisWittenberg@t-online.de.

Katharina Körting | 07.03.2017

Cornelius Grupen lauscht einem berühmten Redner...

Das letzte Wort


Gott allein weiß, warum es ausgerechnet das seelenlose Flughafenhotel sein musste. Vielleicht wegen der guten Erreichbarkeit? Die Einladung war ja äußerst kurzfristig gekommen. Der himmlische Vater, der Schöpfer des Himmels und der Erde, werde um 17 Uhr höchstpersönlich vor die Presse treten und eine Erklärung abgeben. Die meisten Kollegen hielten das für einen Scherz, aber verpassen wollte den ersten öffentlichen Auftritt des Allmächtigen seit 2000 Jahren natürlich auch niemand. Viele Redakteure waren deshalb nicht selbst gekommen, hatten aber für den Fall, dass an der Sache doch etwas dran sein sollte, ihre Volontäre, freien Mitarbeiter und Fotografen geschickt. Der bescheidene Tagungsraum platzte jedenfalls aus allen Nähten. Ich setzte mich neben Monsignore Radulovic, den Reporter von Radio Vatikan, den ich aus der Oper kannte.
Die Stimmung war aufgekratzt. Die Kollegen überboten einander mit Spekulationen: Dass niemand kommen werde. Dass ein Hochstapler kommen werde. Dass ein Prophet erscheinen und den Hochstapler enttarnen werde. Dass ein atheistischer Attentäter das Hotel stürmen und uns alle erschießen werde. Dass die Titanic uns per Fax für unsere Leichtgläubigkeit danken und uns in der nächsten Ausgabe bloßstellen werde. Dass Kurt Felix auferstehen und uns fragen werde, ob wir Spaß verstehen. Dass ein fliegendes Spaghettimonster auf dem Vorfeld landen werde. Dass tatsächlich Gott selbst erscheinen würde, damit rechnete niemand. Doch um Punkt 17 Uhr trat ein älterer Herr ans Rednerpult.
Niemand hatte ihn kommen sehen. Es wurde sofort still im Raum.
"Guten Tag. Ich bin, der ich bin. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind."
Das sollte der Allmächtige sein? Er sah ganz normal aus, etwas mager vielleicht, Hornbrille, Cordhose, Rollkragenpullover, Tweed-Jackett. Wenn ich ihm anderswo begegnet wäre, hätte ich ihn für einen Professor oder für einen Schriftsteller gehalten. Er legte seine Aktentasche auf das Pult und nahm ein kleines schwarzes Buch heraus.
"Schlachter", flüsterte Radulovic mir zu.
"Wie bitte?", fragte ich.
"Das ist die Schlachter-Ausgabe", sagte er.
"Verstehe", log ich. Radulovic merkte, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach.
"Das ist eine Bibel-Übersetzung von 1905", sagte er.
"Eine gute Übersetzung?"
Radulovic wiegte unentschlossen den Kopf. Er wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, als Gott mit einer Handbewegung um Ruhe bat. Er hielt die kleine Bibel hoch. Die Fotografen in der ersten Reihe ließen ein Blitzlichtgewitter auf ihn niedergehen. Gott wartete geduldig, bis auch der letzte seine Aufnahme im Kasten hatte.
"Alles, was ich zu sagen habe, steht hier drin", sagte er.
Er blickte erwartungsvoll in die Runde. Eine junge Frau von der Neuen Zürcher Zeitung fasste sich ein Herz und hob ihre Hand. Gott nickte ihr aufmunternd zu. Sie stand auf.
"Können Sie uns das etwas näher erläutern?"
Er schüttelte lächelnd den Kopf und deutete auf das Buch.
"Das ist mein letztes Wort."
Als ich von meinem Notizblock aufsah, war er verschwunden.

Dr. Cornelius Grupen
: *1974, arbeitet freiberuflich als Ghostwriter für Unternehmer und Politiker. Er hat in Oxford und Cambridge Philosophie studiert, als Journalist für den Independent aus Westminster berichtet und für McKinsey & Company Unternehmen in aller Welt beraten. Wenn er nicht am Schreibtisch sitzt, sitzt er auf dem Fahrrad, im Kino oder im Café. Er lebt in Hamburg.
"Ich habe bei sola scriptura 2017 mitgeschrieben, weil ich glaube, dass Worte Berge versetzen können."

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Losung vom 20.09.2017
Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen. Petrus sprach: Da Jesus nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört.
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