In lockerer Folge mit Blick auf die zum 1. April 2017 erscheinende Publikation zum Schreibwettbewerb sola scriptura 2017 sind hier einige ausgewählte Beiträge von sola scriptura 2017 zu lesen. Das Buch kann zum Herstellungspreis für 12 Euro Schutzgebühr zzgl. Versandkosten bestellt werden beim Ev. Kirchenkreis Wittenberg, Jüdenstraße 35-37, Tel 03491 40 32 00, Fax 03491 40 32 05, Mail Ev.KirchenkreisWittenberg@t-online.de.

Katharina Körting | 07.03.2017

Die Prosa des Augsburger Autors Michael Wenzel zeigt Gnade.

Allein die Rechtfertigung


Er nimmt die Zeitung, legt sie auf den Tisch. Er rückt die Kaffeetasse zur
Seite, führt sie zum Mund.
"Gehst jetzt mim Hund naus?" fragt die Frau aus dem Zimmer nebenan.
"Ja", sagt er, "mach i glei."
"16-jähriger Amok-Schütze richtet in Bad-Reichenhall ein Blutbad an",
liest er in der Mitte. "Viele schildern den Amok-Schützen als normalen
Jungen."
"Normal", murmelt er, schüttelt den Kopf.
"Klaaar", sagt er.
"Hast du was gsagt?" fragt die Frau.
"Neinnein", sagt er, liest auf der andern Seite.
"Mancher wischt sich eine Träne aus dem Auge", steht da, im Streiflicht
links. "Wie vor allem junge Menschen auf die Konsenserklärung der
Kirchen reagieren."
"Was issen Konsens?", fragt er.
"Dass du jetzt gehst, … hast gsagt. … Wenn du mitem Hund unte bist,
kannst glei en Brot mitnehme", sagt sie. "Und auch von dem Käseaufschnitt."
"Ja", sagt er, "mach i." "Die junge Leut", denkt er, "die könne vielleicht
verstehn."
Der Hund steht neben dem Stuhl, fiept.
"Ja", sagt er zu dem Hund, "wir gehn doch."
Er greift nach unten, der Hund springt am Bein hoch.
"Er habe sich für Waffen interessiert und Nazi-Bildchen in sein Hausaufgabenheft
geklebt", liest er. "Nach Stunden des Wartens wagten sich die
Beamten in die Wohnung. Dort fanden sie zwei weitere Leichen, vermutlich
den Schützen und seine Schwester."
"In der Hölle soll der Kerl braten", sagt er.
Der Hund jault jämmerlich. "Ja du doch nit", sagt er zu dem Hund.
"Jetzt geh halt", ruft die Frau. "Nachher pinkelt er wieder die Wohnung
voll, und ich hab die Sauerei."
"Trink noch mein Kaffee leer", sagt er.
"Wenn ich mich durch Gottes Gnade mit den tiefsten Nöten meines
Nächsten identifiziere, nämlich durch die Befreiung der Schuld ...", steht
im linken Abschnitt.
"Ein komisches Gewäsch", sagt er. Er trinkt den Kaffee, zündet sich eine
Zigarette an. "Wo hatten der Not ghabt", denkt er.
"Soll mit dem jungen Drecksack noch Mitleid ham", sagt er laut, "mit
dem. Da kehrt sichs um. … Soweit kommts!"
"Was hasten wieder", ruft sie, "grantelst mit de junge Leut rum, sin halt
anders, gibt’s solche und solche."
"Ach?!", sagt er.
"Jetzt musst auch noch rauche", ruft die Frau, "kannst doch auf em Weg
tun."
Er hört,
Er hört, wie sie im andern Zimmer die Schranktür zumacht.
"Auf der Straße blieben zwei Leichen unter Plastikplanen zurück", liest er.
"Du", ruft er, wendet den Kopf, "was soll ich noch hole?"
"Brot und Käseaufschnitt", sagt sie und seufzt. "Merks dir halt."
Der Hund tapst von einem Bein auf das andere, winselt.
"Ja", sagt er, "weiß ich jetzt."
"Rechtfertigung heißt, dass uns Gott einen Wert schenkt, unabhängig
davon, wie wir sind und was wir tun", steht links unten.
"So was", sagt er. "Wer hat’n das ausgedacht? Wie kann mer einem
schenke, völlig Wurst, was der tut?"
"Was hast gsagt?" fragt sie.
"Ach, nix", sagt er, legt die Zeitung zusammen.
"Kannst nachher weiterlese", sagt sie, "was steht’n drin?"
"Ziemlich kreuzquer. Von dem junge Kerl halt, dem in … weißt schon ... der die alle umgelegt hat, … und da steht, der Herrgott schenkt jedem, egal, was Schlimmes der tut."
"Wie", fragt die Frau, wartet, "aber, weißt du … ach, … wir brauche vielleicht nix Schlimmes tun, um das zu kriege, … das Geschenkte da, … sein wir doch heilfroh drum. … Aber jetzt hör auf zu lese, soen Zeugs macht dich nur wepsig."
"Jetzt gehn wir", sagt er zum Hund.
Der bellt. "Is schon recht", sagt er, "wenns einen drückt, muss es raus." "Bis dann", ruft er, greift nach der Leine.
Er schaut aus dem Fenster.
"Ziemlich trüb", meint er.
"War bestimmt ein scheiß armer Hund", sagt er vor der Tür.
Der Hund wimmert.
"Aber nit du", sagt er, streichelt ihn, geht.


Michael Wenzel: *1953 Autor: lebt in Augsburg; Studium der klassischen Philologie, Theologie und Psychologie; etwa siebzig Veröffentlichungen; mehrere Auszeichnungen, u. A. Bonner  Buchmesse 2015 (1. Preis für Kurzgeschichte), mitteldeutscher Literaturpreis 2016 (Lyrik).
"Ich habe bei sola scriptura 2017 mitgeschrieben, weil ich das Thema von theologischer und schriftstellerischer Seite höchst interessant fand und es in die heutige Zeit transferieren wollte."



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