In lockerer Folge mit Blick auf die zum 1. April 2017 erscheinende Publikation zum Schreibwettbewerb sola scriptura 2017 sind hier einige ausgewählte Beiträge von sola scriptura 2017 zu lesen. Das Buch kann zum Herstellungspreis für 12 Euro Schutzgebühr zzgl. Versandkosten bestellt werden beim Ev. Kirchenkreis Wittenberg, Jüdenstraße 35-37, Tel 03491 40 32 00, Fax 03491 40 32 05, Mail Ev.KirchenkreisWittenberg@t-online.de.

Katharina Körting | 17.03.2017

Friedrich Schollmeyer erzählt von einem Bewerber.

Die Ausschreibung


Hallo? Ist da wer? Ich komme wegen der Ausschreibung. Hallo? Hört mich jemand? Ich habe in der Zeitung davon gelesen und dachte mir, ich bewerbe mich einfach mal. Aber dann stand da, man solle gleich direkt vorbeikommen. Da bin ich also!

In der Ausschreibung steht, dass man hier die Kunst des unbedingten Angenommenseins erlernen könne. Solche Sachen haben mich schon immer interessiert und ich habe auch die geforderten Leistungsnachweise dabei. Den Link zu dem Leistungstest konnte ich nicht öffnen, aber auf der Homepage stand, dass man den auch hier nachholen könne. - Mensch, jetzt werd ich aber langsam ungeduldig! Haaaaaallooooo? Hier muss doch irgendwo jemand sein!?

Ich war stets Klassenbester, falls Sie das interessiert. Ich hatte in den letzten Jahren immer mehr das Gefühl, dass das eigentlich keinen interessiert. Also dass sich niemand wirklich für mich interessiert. Deswegen bin ich ja auch hier! Erst dachte ich: Da muss irgendwo ein Haken sein! Wenn ich erst mal am Ende des Ausschreibungstextes angelangt bin, steht da bestimmt etwas von Vorauszahlung oder "Bitte schicken Sie folgenden Vertrag unterschrieben an untenstehende Adresse, anschließend setzen wir uns mit Ihnen in Verbindung". Aber nix da! Nicht einmal Allgemeine Geschäftsbedingungen. Einfach nur herkommen soll man und dann würde man weitersehen. Nun denn, hier bin ich, aber es scheint außer mir keiner da zu sein.
Also doch ein Haken! Wahrscheinlich "Verstehen Sie Spaß?" oder sowas. Besonders lustig finde ich das allerdings nicht. Ich komm doch nicht den weiten Weg hierher, um mich dann verarschen zu lassen! Hab noch nicht mal ein Rückticket. Es stand ja auch nicht da, wie lange das Ganze hier dauert und so hab ich mir gedacht, ich such mir spontan eine Rückverbindung.
Jetzt, wo ich so darüber nachdenke - es ist eigentlich ganz schön dreist, das alles so offen zu lassen. Das Programm ist ja schon inhaltlich so vage, da wären doch wenigstens ein paar formale Rahmenbedingungen angebracht, oder?

Haaaaaalloooooo! Jetzt reicht’s mir aber. Ich hab mir extra Urlaub genommen für diese Sache. Immerhin verzichte ich damit auf den traditionellen Winterausflug in den Thüringer Wald.
Der Urlaub ist ohnehin schon viel zu knapp bemessen! Das würde sich alles ändern, meinte der Chef neulich, sobald das Unternehmen erst einmal warm gelaufen wäre. Wie von einem Auto spricht er von einem Unternehmen, in dem sich tagtäglich fast hundert Menschen den Arsch aufreißen, um sich dann anhören zu müssen, es sei nötig, dass sie noch mehr leisten!
Aber - ich sollte mich nicht beklagen, schließlich habe ich zumindest eine sichere Arbeitsstelle und werde für meine Leistung auch ganz ordentlich bezahlt. Vielleicht sogar anerkannt? Ich weiß es nicht, man blickt ja nicht hinter die Schädeldecke. Zumindest weiß man, woran man ist.

Hier dagegen scheint man sich einen Spaß zu erlauben mit allen, die drauf reinfallen. Hätte ich mir ja gleich denken können. Von wegen unbedingtes Angenommensein - hier wird man nicht einmal empfangen! Kommt schon, wo seid ihr!? Das Spiel ist vorbei! Wer steckt hinter diesem ominösen Angebot? Wer ist hier federführend? Komm schon, heraus aus Deinem Loch!

Die Ausschreibung Was würdet ihr tun, wenn ich mir ‘ne Knarre an den Kopf halte? Und woher wollt ihr wissen, dass ich keine in meiner Tasche habe? Achso, ihr wollt, dass ich wieder gehe!? Ein Test, ob ich es auch wirklich ernst meine. Aber wie sollte ich denn irgendetwas hier ernst meinen können? Ich weiß doch gar nicht, worum es geht!

Deswegen bin ich ja hier.

Friedrich Schollmeyer: *1988, wohnt in Leipzig und promoviert im Bereich Bildungs- und Kulturphilosophie. 2015 erschien sein Aufsatz Zwischen kulturellem Eintrag und schöpferischem Auftrag. Michael Landmanns Kulturanthropologie als Bildungstheorie.
"Ich habe bei sola scriptura mitgeschrieben, weil mich gereizt hat, Gnade und Leistung nicht nur als Gegensätze, sondern in ihren komplizierten Verflechtungen - in ihrer gemeinsamen Koalition? - zu thematisieren."

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Losung vom 20.11.2017
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