In lockerer Folge mit Blick auf die zum 1. April 2017 erscheinende Publikation zum Schreibwettbewerb sola scriptura 2017 sind hier einige ausgewählte Beiträge von sola scriptura 2017 zu lesen. Das Buch kann zum Herstellungspreis für 12 Euro Schutzgebühr zzgl. Versandkosten bestellt werden beim Ev. Kirchenkreis Wittenberg, Jüdenstraße 35-37, Tel 03491 40 32 00, Fax 03491 40 32 05, Mail Ev.KirchenkreisWittenberg@t-online.de.

Katharina Körting | 17.03.2017

Ruta Dreyer aus Hannover schreibt gegen den Mainstream.

Selbstzwang

Ich habe nicht oft mit ihm geredet und nicht nur, weil er meistens schweigt.
Mit ihm zu reden, gehört sich einfach nicht.
Er sitzt neben uns und nicht bei uns und seine Hände zittern oft, das kann ich sehen und er versucht, uns nicht in die Augen zu sehen. Das erste, was mir an ihm auffiel, waren seine Augen, weil sie grün sind, aber es ist nicht dieses Grasgrün, sondern das Gras-im-Morgentau-Grün, und dass eine Person mit solchen Augen immer ganz abgewandt von uns ist, das macht mich echt traurig.
Das würde ich natürlich niemandem sagen, denn wer mag schon seine Augen, das wäre doch grotesk und abstoßend, "Du magst seine Augen, im Ernst?", "Nein, nein, so meinte ich das natürlich nicht".

Alle sagen, er hat nicht genug Geld für seine Klamotten, sie zeigen heimlich mit dem Zeigefinger auf ihn, auch wenn er es meistens merkt und ich bin die Einzige, die ihm nachguckt, wenn er sich hinter dem Fahrradschuppen in den Pausen versteckt.
Immer mit demselben Buch in der Hand, manchmal ertappe ich mich beim Nachdenken über ihn.
So wie heute.
Wir warten beide an der Haltestelle und der Regen zwingt uns, dicht an dicht unter dem Dach zu warten.

Aus Reflex drehe ich mich zur Seite.
Denn man sagt, er stinkt und man sagt, er kann nicht reden und lachen und er ist eben anders.

Ich sehe mich in der Glaswand der Haltestelle widergespiegelt und gucke schnell weg.
Instinktiv.
Wir wollen uns nie selber angucken, wenn wir wissen, dass wir etwas Falsches denken.

Auf einmal würde ich wirklich, wirklich gerne mit ihm reden und mich für meine Ignoranz entschuldigen, aber ich bin weder besonders mutig, noch habe ich die Kraft, Fehler einzusehen.
Irgendwann sage ich nur, dass ich finde, dass der Planet auf seinem T-Shirt cool ist und Bei Star Wars hatten sie auch so einen, oder und mehr fällt mir nicht mehr ein.
Er lacht rau, er lacht wirklich und sein Lachen ist gar nicht so schlimm, er sagt, das ist kein Planet, das ist die Lutherrose.
Ich lege den Kopf schief und frage, von wem nochmal und mein Gott, er kann wirklich reden.
Er hat noch nicht mal Mundgeruch, so wie man es mir erzählt hat, er hat ganz schöne und ebene Zähne, eben diese Zähne, die man nur nach einer Zahnspange hat und verdammt, seine sind von sich aus so geebnet und geordnet und dann noch strahlend weiß.
Sein Buch holt er heraus, es hat einen dicken Umschlag und ich versuche, meine Ungeduld zu verbergen, denn endlich erfahre ich, was man alleine und ohne Gesellschaft im Versteck hinter dem Fahrradkeller so liest.
Es ist ein Buch über Martin Luther und ich frage ihn, Ist das nicht schon alt.
Er sagt, Erfahrung kann nicht altern und ich sage bloß, Was meinst du damit.
Man kann Parallelen ziehen, erklärt er, zwischen Damals und Heute. Ansehen ist meist bloß erkauft.
Ablassbriefe waren erkauft und unseren heutigen Status erkaufen wiruns auch nur.
Ich kann nicht anders und muss auf seine Klamotten schauen und an seine Familie denken, die nicht viel Geld hat und an alle, die ihn immer auslachen.
Wieso?
Wir zwingen uns alle selbst bloß, uns auf den Sprossen der Leiter nach oben zu ziehen und zu zerren und zerbrechen dabei mit ihr.
Er weiß, dass ich verstanden habe und den Rest der Fahrt reden wir nicht mehr, ich muss meine Frustration unterdrücken.
Bevor ich aus dem Bus steige, umarme ich ihn, aber nur ganz leicht, ganz vorsichtig, wie etwas, das sonst zerbrechen könnte.
Ich ärgere mich, an Lügen festgehalten zu haben, nur weil man sie mir mit Flüstern und Kopfnicken erzählt hat.
Denn ich muss zugeben, er riecht gar nicht mal so schlecht.
Verdammt, er riecht sogar echt gut.


Ruta Dreyer: *2002 in Hannover, wohnt in Laatzen (Niedersachsen) Wenn sie nicht schreibt, spielt sie Fußball oder Klavier oder eben mit Wörtern und Buchstaben. In der Dezember-Ausgabe des Asphalt wurden bereits Texte von ihr veröffentlicht. Sie mag Kunst und Musik und kann Mainstream und Egoismus nicht ausstehen.
"Sola Scriptura 2017 bot mir ein interessantes Thema zur Inspiration und zum Nachdenken,
deswegen habe ich mitgemacht - obwohl ich Atheistin bin."




Veranstaltungskalender
Losung vom 20.09.2017
Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen. Petrus sprach: Da Jesus nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört.
Joel 3,1 Apostelgeschichte 2,33

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine www.ebu.de. Weitere Informationen finden sie hier. Herrnhuter Losungen